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Fortsetzung „Tagebuch aus Syrien“ September 2015 #Damaskus #Latakia #Qalamoun

26/09/2015

Teil 1

Teil 2

 

13. September:
Ein besonderes Problem in den Wohnungen dieses Jahr sind die vielen Ameisen, die sofort da sind, wenn man etwas Süßes oder Fleischiges irgendwo vergisst. Viele Leute sagen, das sei die Folge des Krieges. Alles ist möglich.
14. September:
Heute hatten wir eine Stunde mehr Strom zur Erleichterung aller. Die Cafés in der Stadt sind voller Menschen. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Außerdem hat heute die Schule für die Kinder wieder begonnen. Es war nett, all die Kinder den Schulweg nehmen zu sehen voller Erwartung, ihre Kameraden wieder zu treffen.
15. September:
Eigentlich habe ich den Sommer an der Küste nie gemocht wegen der Schwüle und bin früher auch in dieser Zeit nie hergekommen. Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert, meistens aber sind wir etwas später hierhergekommen. In Damaskus ist es heißer, aber nicht schwül und deshalb angenehmer. Dafür ist es in Lattakia sicherer.
16. September:
Morgen geht es nach Damaskus zurück. Da habe ich kaum Internet. Mal sehen, wie ich das schaffe. Mehrere Attentate erschüttern das Land, ein Zeichen, dass die Armee wieder auf dem Vormarsch ist. Die Leute beklagen sich über die außergewöhnlich große Hitze im September.
17. September:
Rückfahrt nach Damaskus. Ich möchte unbedingt meine noch vorhandenen Freunde sehen, von denen nur noch ganz wenige da sind.
Auf dem Rückweg bemerke ich, dass die meisten neueren Fernreisebusse chinesischer Herkunft sind. Die Al Wadi-Privatuniversität beim Krak des Chevaliers ist wieder offen. Von nun an steigt die Straße stetig die Homser Senke entlang hoch bis nach Homs. Im Qalamun auf unserer Straßenseite eine ganze Reihe von neuen farbenfrohen Tankstellen. Im Qalamun ist es angenehmer, weil da ein stetiger frischer Wind weht. Nabk sieht diesmal etwas belebter aus. Bei Quteife geht es dann wieder halb hinunter in Richtung Ghouta von Damaskus. Dann wieder eine Zeitlang in der Ebene und kurz vor Adra noch einmal abwärts. Bevor wir uns Damaskus mit den Vororten nähern, biegen wir wieder nach rechts Richtung Al Tell ab, um Harasta zu vermeiden, wo Zahran Alloush sein Unwesen treibt. Damaskus sieht von oben friedlich und wie immer aus. Hoffentlich bleibt es so.
Am Abend gibt es dann doch noch ein paar Kanonenschüsse vom Qassiun-Berg aus, die die Fenster erschüttern lassen. Je tiefer man wohnt, desto heftiger ist der Widerhall.
Ich treffe eine Freundin wieder, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe. Große Freude. Morgen fährt sie wieder zurück. Viele warten nur darauf, wieder zurückzukehren und schlagen sich bis dahin so durchs Leben.
18. September:
Heute ist großer Putztag. Die Folgen des Sandsturms müssen beseitigt werden. Der Balkon voller Sand und im Wohnzimmer eine sichtbare Staubschicht. Die Bäume vor dem Fenster voller Staub. Zum Glück ist der Sand nicht in alle Zimmer eingedrungen, denn eigentlich hatte ich alle Fenster isoliert. Das sind so die Sorgen in unseren Breiten: Sandstürme, wenn auch meist nur im Frühjahr, Staubschicht das ganze Jahr über, wenn es nicht regnet, im Sommer fliegende 4cm große Kakerlaken, die in der Nacht vor allem bei Licht in die Wohnung eindringen, wenn man kein Fliegengitter vor dem Fenster hat. Das alles ist aber zu bewältigen, nur was hier im Lande aus der ganzen Welt eindringt, ist schwerer zu kontrollieren.
Ich treffe noch eine syrische Freundin, die morgen wieder wegfährt. Es ist immer eine Freude, wenn man die Freundinnen wieder trifft. Die Entwicklung, die einige in den Jahren durchgemacht haben, ist doch erstaunlich. Man muss nur Geduld haben, dann wird auch ihnen vieles klarer.
Bevor wir uns trafen, hat sie für bettelnde Kinder eine große Dose Trockenmilch gekauft, da sie sie gefragt hatte, ob sie nichts bekämen. Die Kinder hatten gesagt, dass sie schon etwas bekämen, dass dies aber nicht ausreiche. Sie hat sich beklagt, dass die Händler ihr für die Kinder keine Milch schenken und ihr die Milch nicht billiger verkaufen wollten.
19. September:
Der jüngste Sohn eines Nachbarn ist nach dem Abitur in Österreich gelandet. Hat den Schleppern 4000$ gezahlt und erwartet das Paradies in Deutschland. Das ist auch Politik: Das Land von den Intellektuellen zu leeren, um es in die Knie zu zwingen. Das war schon im Irak so gewesen. Ärzte werden oft mit dem Tode bedroht, oder die sog. „Freiheitskämpfer“ senden ihre Granaten und Raketen in die jeweiligen Wohnviertel, um die Leute zum Exodus zu bewegen.
Heute sind wir zum Essen eingeladen. Die dritte Woche syrisches Essen. Es gibt nichts Besseres. Selbst einfache Speisen schmecken sehr gut. Vieles beruht auf der Basis von Gemüse. Bei der Hitze sind sowieso Salate das Allerbeste.
20. September:
Heute beginne ich mit so profanen Dingen wie Vorhänge waschen. Wichtig nach dem Sandsturm. Nach und nach kommen alle Zimmer an die Reihe. Gleichzeitig muss ich alle Augenblicke ausnützen, in denen ich Wasser und Strom gleichzeitig habe. Wie einfach ist das doch in Deutschland. Aber da herrscht ja auch kein Krieg.
21. September:
Der Montag beginnt mit Wäsche waschen, so wie jeder Tag. Im Keller finde ich noch selbstgemachte Grapefruit-Erdbeer-Ingwer-Marmelade von vor zwei Jahren. Der Ingwer-Geschmack hat etwas nachgelassen, aber sonst ist sie noch gut. Unser Keller ist ein idealer Lagerplatz, auch für Wein.
22. September:
Ich nütze es aus, dass die Familie nicht da ist und mache ein Zimmer nach dem anderen sauber. Auf wunderbare Weise habe ich den ganzen Vormittag Wasser und Strom. Dabie kommt man aber ganz schön ins Schwitzen.
23. September:
Heute erfahre ich am Abend von der Ankunft einer weiteren Freundin. Allerdings ist es schon zu spät, sie zu treffen und morgen früh geht es zum Fest wieder nach Lattakia. Die Putzerei geht zum Glück zu Ende.
Zeugenaussagen von der Autobahn zwischen der libanesischen Grenze und Damaskus bei Zabadani: 2 Armeelastwagen fahren mit Kühlschränken weg. Das sei die Plünderung von Zabadani. Ich mache darauf aufmerksam, dass schon 2012 die leerstehenden Sommerwohnungen völlig von den sog. Freiheitskämpfern ausgeplündert wurden, die nicht mal die Wasserhähne und Fenster und Türen verschonten, selbst wenn sie alt waren. Außerdem fiel mir dazu die Geschichte einer Deutschen ein, die aus Harasta in die Stadt Damaskus gezogen war. Als sie in Harasta in ihrer Wohnung nach einigen Monaten wieder vorbei schaute, fand sie die Wohnung voller Kühlschränke und Fernseher. Sie rief die Polizei an, die kam, Fingerabdrücke nahm, eine Liste aufstellte und die Menschen aufrief, dass diejenigen, denen solche Sachen gestohlen worden waren, mit einer Beschreibung der Sachen kommen und sie abholen sollten. Es stellte sich dann heraus, dass ein Nachbar diese Dinge in ihrer Wohnung gelagert hatte. Dass dann die Polizei die Gegenstände abholte und später das, was nicht von Einwohnern zurückgeholt worden war, verscherbelt wurde, ist wohl verständlich bei allem, was es an gestohlenen Gegenständen gibt. Deshalb ist es viel wahrscheinlicher, dass die Armee die Lager mit von den „Freiheitskämpfern“ gestohlenen Gegenständen in Zabadani ausräumte. Aber die Taxifahrer und andere Autofahrer interpretieren das anders und wissen nicht oder denken nicht daran, dass die Plünderungen der Wohnungen schon lange stattgefunden hatten und dass die Gegenstände irgendwo gelagert wurden, bevor man sie zu Geld machte. Nach den Siegen der Armee und der Hezbollah fiel das nun in deren Hände.
24. September:
Die Fahrt in Richtung Homs war heute durch mehr Checkpoints gekennzeichnet. In Richtung Homs überholen wir einen langen Konvoi von Militärtransportern, die Panzer in den Norden (oder Osten?) fahren. Die Soldaten sind wie immer freundlich und wir verteilen Bonbons zum Fest.
Etwas Neues entdeckt man trotzdem immer wieder. Bei Qara, das westlich von der Autobahn liegt, sehen wir östlich der Straße drei neue Tankstellen und bei einer auch eine neu gebaute Raststätte. Zwischen Homs und Tartous haben die Bäume erneut gelitten, diesmal unter der Hitze und Trockenheit. Gleich hinter Homs eine Reihe von kleinen Verkaufsbuden für Erfrischungsgetränke und Obst und wohl auch für Schmuggelwaren, die in einem wirtschaftlich boykottierten Land immer leicht hereinkommen. Überhaupt mangelt es an nichts im Land, nur die Preise sind hoch.
Wir kommen rechtzeitig zum Mittagessen in Lattakia an. Die Kinder sind frisch eingekleidet, wie es immer zum Fest der Fall ist und die Spielplätze sind voll. Und es gibt durchgehend Strom. Ein Geschenk zum Fest!
In Mekka über 1500 Tote und Verletzte. Das erinnert mich an eine Prophezeiung, auf die mich vor Kurzem eine Freundin in Deutschland aufmerksam gemacht hat. So soll der Prophet Mohammed gesagt haben, dass wenn die Gebäude in Mekka höher als die große Moschee seien, es das Ende bedeute. Inzwischen haben die Saudis ein Riesenhotel über ein historisches Gebäude der Familie Mohammeds gebaut. Eine Prophezeiung spricht auch von der regierenden Familie. Wenn die aus Najd die Regierung übernähmen, sei das Ende nahe. Und in der Tat bewegen sie sich auf ihr eigenes Ende zu.
25. September:
Die Nacht war etwas kühler als zuvor in Lattakia. Libanesische Sender interviewen Flüchtlinge in Europa, vor allem syrische Familien, die schon bedauern, diese Flucht unternommen zu haben, sofern sie der Propaganda auf den Leim gegangen sind. Kleine Kinder aus Raqqa sagen in Al Jadeed, dass es im eigenen Land doch besser sei als sonst irgendwo. Sie dienen ja sowieso nur als Ausrede zu Interventionen. Das kann Einen so wütend machen. Als die humanitären Organisationen von einer drohenden Hungerkatastrophe bei Millionen Flüchtlingen im Nahen Osten gesprochen haben, hat dies niemanden im Geringsten gejuckt. Und die Menschen im Jemen interessieren auch keinen. Aber jetzt macht man das große Tamtam mit den Flüchtlingen, die man selbst zur Flucht gebracht hat. Ekelhaft!
Inzwischen habe ich auch erfahren, warum die Händler den Kindern keine Milch schenken. Von den Rationen, die den Familien zukommen, wird von den Familien möglichst viel abgezweigt, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
In Lattakia gibt es ein Zentrum für schwangere Frauen, die etwas zusätzlich bekommen und um das Zentrum herum blüht der Schwarzmarkt. Daher wird von freiwilligen Helfern gerade eine Statistik erstellt, wie viel jede Familie von welchem Grundnahrungsmittel in der Woche tatsächlich verbraucht, um jeden Missbrauch zu vermeiden und allen Flüchtlingen dieselben Rationen zukommen zu lassen.
Das erinnert mich an die Probleme, die die deutschen Frauen früher mit armen Familien hatten, denen sie mit dem Geld von Weihnachtsbazaren z.B. einen Ofen und Heizöl bezahlt hatten und wenn sie sie dann im Winter besuchten, war von Beidem nichts zu sehen, weil sie inzwischen verkauft waren, um z.B. für den Vater die Zigaretten zu finanzieren o.ä., so dass dann das Geld nur noch für dringende spezielle Operationen an Kindern und für deren Medikamente verwendet wurde.
26. September:
Jemand von der Familie erzählte mir, dass sein Freund, der seit dreißig Jahren in Berlin lebt, die syrischen Flüchtlinge besucht hat. Er sei entsetzt gewesen, denn es waren solche aus dem Umland von Idlib und Nordaleppo, teilweise wohl sog. Freiheitskämpfer mit ihren Familien oder ohne sie und mit dem entsprechenden zurückgebliebenen geistigen Hintergrund. Früher seien respektable Leute nach Deutschland gekommen. Der Fußballtrainer, den die ungarische Kamerafrau mit Füßen getreten hatte, so dass er mitsamt Kind hinfiel und der sofort als Fußballtrainer in Spanien verpflichtet wurde, war ein Jabhat al Nusra-Mitglied, das auf einem Video im Internet Propaganda gemacht hatte. Auf die europäischen Staaten fallen die Ergebnisse ihrer eigenen Handlungen zurück und wenn es dann Probleme gibt, kann man schnell die demokratischen Freiheiten einschränken und mittels der Propaganda der Massenmedien wird das auch von den Leuten akzeptiert, wie das Beispiel der US und Frankreichs zeigt.
Heute geht es wieder zurück nach Damaskus. Dort habe ich bis zu meinem Verlassen des Landes wieder kein Internet.

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